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Frauen in der Architektur Teil eins: Frau liebt Bau

Die Baubranche ist noch immer von Männern dominiert. Es gibt aber genügend Beispiele, die bezeugen: Frauen passen mindestens genauso gut in diesen Wirtschaftszweig.
Veröffentlicht am 08.08.2019

Das Netzwerk Frau liebt Bau ist eines dieser Beispiele. Es richtet sich an selbstständige Frauen in der Bauwirtschaft und zeigt, dass eine Karriere als Frau nicht nur möglich, sondern auch aufregend und vielfältig sein kann. Vanessa Kanz sprach mit vier Mitgründerinnen der Initiative über die Chancen und Herausforderungen der Selbstständigkeit: mit Sarah Kosmann, Bauingenieurin mit einem Büro für Bauphysik, und Heike Wessels, Diplomgeografin, seit eineinhalb Jahren selbstständig mit einem Büro für Umweltakustik. Sowie mit Lena Kehl, seit 2012 selbstständig mit der Planung von Photovoltaik-Anlagen, und Kristin Engel, freie Architektin mit dem Schwerpunkt Innenarchitektur.

Wie haben Sie sich gegenseitig gefunden – wie kam die Initiative Frau liebt Bau zustande?

Lena Kehl: Wir waren und sind alle Mitglieder in der Facebook-Gruppe MomPreneurs, einer Gruppe für Frauen, die selbstständig und Mütter sind. Nach einem Posting von Sarah, das sehr fachspezifisch mit einer Frage zur Zielgruppe war, haben sich relativ viele aus der Baubranche darauf gemeldet. Da kam der Gedanke auf, eine eigene Gruppe zu gründen, in der wir uns fachspezifischer über planerische Themen austauschen können.

Sie sind alle aber örtlich woanders?

Lena Kehl: Ich komme aus München.

Heike Wessels: Ich bin aus Osnabrück.

Kristin Engel: Ich wohne in Berlin.

Sarah Kosmann: Und ich aus dem Münsterland. Eine weitere Mitgründerin, Maria Goldberg, kommt aus Finsterwalde, Silke Fuchs aus Stuttgart. Die weiteren Mitgliederinnen in unserer Gruppe sind ebenfalls über Deutschland verteilt; eine wohnt sogar auf Mallorca.

Insgesamt hat die Initiative bereits um die 40 Mitgliederinnen. Dabei ist das Netzwerk noch relativ jung.

Lena Kehl: Ja, uns gibt es erst seit November letzten Jahres. Die erste große Aktion war eine Online-Diskussion mit Live-Stream auf youtube zum Weltfrauentag. Da haben wir uns vorgestellt und erzählt, wie es ist als Planerin, als Selbstständige, als Frau …

Heike Wessels: Ein wichtiger Punkt war auch, wie das mit der Arbeit am und im Bau funktioniert, vor allem auch als Mutter.

Und was haben Sie aus der Diskussion gezogen: Wie fühlt man sich mit den jeweiligen Rollen?

Heike Wessels: Die Klischees treffen eigentlich nicht zu. Hier und da hört man mal einen Spruch, man muss sich auch mal beweisen – aber wo muss man das nicht? Muss das ein Mann nicht auch, wenn er neu anfängt? Für uns war auch Konsens, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besonders gut als Selbstständige funktioniert.

Sarah Kosmann: Vielleicht sogar besser als im Angestelltenverhältnis, wo man immer darauf angewiesen ist, dass der Chef und das Unternehmen die eigene Vereinbarkeitsphilosophie mittragen.

War die gewünschte Vereinbarkeit bei einigen von Ihnen der explizite Beweggrund für den Schritt in die Selbstständigkeit?

Heike Wessels: Bei mir war das absolut der Grund dafür. Bei meinem alten Arbeitgeber kam von meiner Seite die Diskussion nach mehr Verantwortung auf. Das lehnten meine damaligen Chefs ab, mit der Begründung, dass meine Kinder zu der Zeit damals häufig krank waren. Projektmitarbeit ja, Projektleitung nein. Da war mir klar, nachdem ich zehn Jahre dort gearbeitet habe und mehr Verantwortung wollte, dass der nächste logische Schritt der in die Selbstständigkeit war. Ich glaube, dass ich diese Probleme bei vielen anderen Arbeitgebern auch gehabt hätte.

Wie stehen Sie der Entscheidung Ihres ehemaligen Arbeitgebers gegenüber?

Heike Wessels: Ich konnte und kann es nicht nachvollziehen. Ich war immer über Mail und das private Handy erreichbar, habe abends und am Wochenende nachgearbeitet. Und das Paradoxe war, dass meine ehemaligen Chefs selber jeweils zwei Kinder hatten und ihretwegen Bürotermine und Besprechungen absagen mussten. Bei denen war das okay, bei Mitarbeitern nicht.

Da hat jemand also mit zweierlei Maß gemessen.

Lena Kehl: Bei Homeoffice haben viele Arbeitgeber noch immer das Gefühl, dass nicht gearbeitet wird. Das stimmt aber gar nicht: Studien belegen, dass die Leute im Homeoffice eigentlich sogar mehr arbeiten, teilweise bedenklich mehr. Man hat immer ein notorisch schlechtes Gewissen, weil man nicht in der Arbeit ist.

Gab es denn generell bei Ihnen in Ihrer beruflichen Laufbahn einen Moment, in dem Sie gemerkt haben, dass Sie anders, möglicherweise nachteilig, behandelt wurden, weil Sie Frauen sind?

Lena Kehl: Ich selbst habe nicht lange als Angestellte im Ingenieursbereich gearbeitet, deshalb kann ich dazu nicht viel sagen. Aber ich höre auch mal Sprüche wie, dass man nicht erwartet hätte, dass das Ingenieurbüro einer Frau gehöre. In E-Mails heißt es auch häufiger „Herr Kehl“. Das beeinflusst mich aber nicht maßgeblich in meinem Tun.

Kristin Engel: In meinem ehemaligen Unternehmen war es tatsächlich so, dass Frauen definitiv, vor allem nach der Elternzeit, schlechtere Projekte bekamen. Sie haben nicht mehr aktiv an der Projektarbeit teilgenommen, obwohl sie vorab, vor der Schwangerschaft, Projekte mit hoher Verantwortung geleitet haben. Das ging auch weiter mit Weiter- und Fortbildungen, die nur Männern angeboten wurden. Die Frauen mussten betteln und unter Umständen die Kosten dafür selbst tragen, was bei den Herren nicht der Fall war.

Bemerken Sie denn generell einen Bewusstseinswandel für mehr Gleichberechtigung in den vergangenen zwei, drei Jahren?

Kristin Engel: Das ist für uns schwierig zu beurteilen, weil wir durch unsere Selbstständigkeit die Regeln selbst machen. Ich denke aber durchaus, dass die neue Generation, die heranwächst und die immer mehr Verantwortung in großen Büros übernimmt, positiven Einfluss darauf haben wird.

Warum denken Sie das?

Kristin Engel: Wenn man wettbewerbsfähig und ein modernes Büro sein und bleiben möchte, dann muss man auf diese Umstände reagieren. Damit geht die Wertschätzung der Mitarbeiter einher: Flexibilität sowie ein bestimmtes Zeitkontingent sind eine Form von Wertschätzung.

Lena Kehl: Die deutsche Wirtschaft kann es sich auch überhaupt nicht leisten, auf 50 Prozent der qualifizierten Fachkräfte zu verzichten. Wir reden einerseits von Fachkräftemangel, und andererseits hört man von Müttern, die lieber im Schichtdienst an der Kasse arbeiten, weil das besser vereinbar ist mit der Familiensituation. Seit Jahren geht in Unternehmen auf unterschiedlichen Ebenen einiges schief. Die großen Konzerne, von Energieversorgern zu Autoherstellern, verschlafen seit 15 Jahren Entwicklungstrends – und sind größtenteils von Männern geführt.

Sarah Kosmann: Da muss man auch ganz klar an die Frauen appellieren, dass sie sich ihren Wert bewusst sein müssen und Dinge für sich einfordern sollen. Es braucht mehr Selbstbewusstsein.

Was können Sie Frauen raten, die am Anfang ihres Studiums oder ihrer Karriere stehen, die das Gefühl haben, sich zwischen Beruf und Familie entscheiden zu müssen?

Kristin Engel: Mit Frau liebt Bau wollen wir genau das zeigen: Ihr müsst euch nicht zwischen Beruf und Familie entscheiden. Frauen müssen umdenken, nicht nur in unserer Branche. Ich kenne das auch von mir: Man ist immer versucht, sich schlechter zu machen als man tatsächlich ist. Frauen unterschätzen sich viel zu oft. Das Umdenken muss als erstes in unseren Köpfen passieren, dann ziehen auch die anderen nach. Gesellschaft verändert sich ganz langsam. Man muss erst einmal etwas vorleben, damit andere darauf reagieren.

Sehen Sie Digitalisierung als unterstützende Chance, im Hinblick auch auf Homeoffice?

Lena Kehl: Ja, alleine schon, dass wir uns dadurch kennengelernt haben. Ich dachte vorher, ich wäre alleine, aber jetzt weiß ich, es gibt in Berlin und Stuttgart auch eine Frau, die selbstständig ist und Kinder hat. Die sich auch fragt, wie funktioniert eine optimale Kundenakquise. Es ist ein privates Netzwerk, aber aus beruflicher Perspektive wahnsinnig befruchtend.

Sarah Kosmann: Durch unsere Gruppe sind auch schon Arbeitskooperationen entstanden. Man kann theoretisch deutschlandweit arbeiten, ich bin nicht mehr darauf beschränkt, in meinem 50-km-Radius zu arbeiten.

Wo fehlt es noch konkret an Unterstützung, die Sie sich wünschen?

Lena Kehl: Was mich stört: Alle Weiterbildungen laufen entweder über den ganzen Tag oder finden abends statt und das klappt nicht mit einem Kleinkind. An diesem fachlichen sowie sozialen Austausch Drumherum kann ich momentan nicht teilnehmen. Das ist schade.

Sarah Kosmann: Für mich gehört das Ehegatten-Splitting endlich abgeschafft. Ich habe drei Kinder, mein Mann und ich arbeiten. Wir zahlen für Kinderbetreuung so viel, dass es sich in schlechten Monaten nicht lohnt, arbeiten zu gehen. Da könnte ich besser zuhause bleiben, selbst auf die Kinder aufpassen und hätte im Monat 500 Euro mehr. Das kann nicht sein.

Heike Wessels: Für uns hier vor Ort ist an der Verlässlichkeit der Kinderbetreuung noch Luft nach oben. Wir haben zwar einen Hortplatz bekommen, ich kenne aber viele Eltern, die keinen Betreuungsplatz gefunden haben. Da muss ein Elternteil dann die Arbeit aufgeben.

Wo soll es mit der Initiative Frau liebt Bau hingehen?

Sarah Kosmann: In erster Linie wollen wir Vorbilder sein: Wir sind Frauen, Mütter, selbstständig und erfolgreich. Ich persönlich kenne keine selbstständige Ingenieurin in meinem Umfeld. Es geht uns darum, diese Nische zu füllen, damit vor allem junge Mädchen auf diese Möglichkeit aufmerksam werden. Wir haben neben dem Kontaktformular auf unserer Homepage noch die Facebook-Gruppe, in der es um den inhaltlich-fachlichen Austausch geht. Außerdem haben wir einen Podcast gestartet, um das Thema Frauen in der Bauwirtschaft zu präsentieren. Wie es dann aktiv weitergeht, sprechen wir im Oktober, bei unserem ersten Treffen.

Kristin Engels: Es geht uns einfach darum, die klassischen Rollen abzutreten, sich freizuschwimmen. Wir wollen Mädchen und Frauen ermutigen, selbstbewusst in männerdominierten Branchen Fuß zu fassen.

Was bedeutet für Sie, ganz individuell, Erfolg?

Lena Kehl: Erfolg ist für mich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Mein Mann und ich teilen uns momentan die Kinderbetreuung und können sehen, wie unsere Tochter aufwächst. Ich stehe finanziell auf festen Füßen und habe trotzdem genug Zeit für meine Familie.

Kristin Engels: Für mich bedeutet Erfolg, dass ich ohne ein starkes Unternehmen im Hintergrund die Arbeit machen kann, die ich möchte. Ich kann mich von gewissen Strukturen und Hierarchien freimachen. Es ist nicht immer Friede Freude Eierkuchen, aber das ist es, was mich durch die Selbstständigkeit trägt: Ich übernehme die Verantwortung selbst, ich bin diejenige, die die Entscheidungen trifft. Das ist wahnsinnig beflügelnd. Ich kann sein, wie ich möchte.

Sarah Kosmann: Unternehmerisch ist Erfolg für mich, wenn jemand anruft, weil er gerne mit mir arbeiten möchte. Explizit mit mir als Person, weil er meine fachlichen Fähigkeiten wertschätzt und diese aktiv anfragt.

Heike Wessels: Für mich ist Erfolg, dass das Konzept der Selbstständigkeit für mich funktioniert. Es ist genug zu tun, gleichzeitig funktioniert es mit der Familie. Ich bin unabhängig, frei in meinen Entscheidungen. Es läuft genau so, wie ich es mir vorgestellt habe.

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