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Wer wagt gewinnt! Was bei der Büroübernahme zu beachten ist.

Eigene Ideen verwirklichen, nicht nur für den Erfolg des Chefs arbeiten, neue Herausforderungen und Selbstbestimmtheit suchen… Wo lassen sie eigene Ziele sich besser umsetzen als auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Dabei sollten ArchitektInnen und LandschaftsarchitektInnen Risiken und Chancen abwägen und sich fragen, welche Form der Selbstständigkeit die richtige ist: Bürogründung oder Büroübernahme? Isabel Maneval-Rieger und Andreas Preißing fassen für PlanerInnen zusammen, worauf bei der Büroübernahme zu achten ist.
Veröffentlicht am 26.10.2020

Bin ich ein Unternehmer-Typ?

Um diese Frage zu beantworten, gilt es, sich selbst zu reflektieren und im privaten Umfeld oder von einem externen Berater Feedback einholen. Wichtig sind die eigenen Fachkompetenzen: Ist man bereit, besonders am Anfang viel und hart zu arbeiten, steht die Familie langfristig hinter der Entscheidung? Wie ist die eigene „Work-Life-Balance“, wie steht es um die körperliche Fitness, welche Kompromisse kann man eingehen, wie ist das eigene (finanzielle) Sicherheitsbedürfnis und kommt man mit einem unregelmäßigen Einkommen klar. Wie verhält man sich in Stresssituationen: panisch oder ruhig und lösungsorientiert? Die Antworten auf diese Fragen sollte man ehrlich ausformulieren und sie dürfen kein ungutes Bauchgefühl hinterlassen.
Daneben ist ein richtiges Maß an betriebswirtschaftlichen Kenntnissen fundamental. Businessplan, Controlling, Marketing, Büroorganisation, Strategie, Personalführung, Steuern, Rechtslage – das sollten für den angehenden Unternehmer keine Fremdwörter sein. Schulungen und Weiterbildungsangebote über Architektenkammern oder Hochschulen liefern einen praxisbezogenen Wissenstransfer im Bereich Unternehmensführung für die Baubranche. Ebenso bedeutend die Unternehmerpersönlichkeit: Überzeugungskraft, Verhandlungsgeschick, Entscheidungsfreude, Einfühlungsvermögen, Delegieren können… Diese Schlagwörter sind bekannt, aber entsprechen sich auch den eigenen Stärken? Einige sind in der Persönlichkeit angelegt, andere gilt es zu fördern. Welchen Weg man auch wählt, hilfreich ist ein Ziele- und Zeitplan, um die eigenen Entwicklungsschritte festzuhalten.

Neugründung vs. Büroübernahme

Hat man sich zur Selbstständigkeit entschieden, ist zwischen Neugründung oder Büroübernahme abzuwägen.

  • Neugründung eines Büros: 

Wer ans „Selbstständig-Machen“ denkt versteht, darunter meist ein eigenes Büro zu gründen. Also fast ohne Restriktionen (außer den gesetzlichen) und anhand der eigenen Vorstellungen. Hier orientiert sich alles an der eigenen Geschäftsidee und das Büro entwickelt sich passgenau zur Gründer-Persönlichkeit mit maximalem Gestaltungsspielraum bei Bürostruktur, Kernkompetenzen und Alleinstellungsmerkmalen. 
Der Kapitalbedarf ist dabei relativ gering und staatliche Maßnahmen wie zum Beispiel KfW Förderungen erleichtern den finanziellen Start. Kammern und Banken bieten vergünstigte Weiterbildungen oder Konditionen an, also gute Startbedingungen für ein Anfangs kleines Team mit geringer finanzieller Verantwortung. So macht man Erfahrungen schrittweise und kann Rückschlüsse ziehen – mit überschaubarem Risiko. Die Marktpositionierung kann sich allerdings als schwierig gestalten, da noch keine Reputation und Abhebung von der Konkurrenz gegeben sind. Der Aufbau eines eigenen Kontaktnetzes mit Auftraggebern und Partnern ist eine anspruchsvolle Aufgabe und braucht Zähigkeit und das alles bei geringen Umsatz- und Ertragsaussichten.

  • Übernahme eines Büros oder Einstieg als Partner

Wer auf einen fahrenden Zug aufspringt, kann von vorhandenen Strukturen profitieren, zudem sind etablierte Büros oft effizienter und produktiver als Neugründungen. Dort kann man intern auf bestehende Prozesse, ein eingespieltes Team und das angebotene Leistungsportfolio zurückgreifen. Extern ist der Markenname bereits bekannt, Netzwerk und Aufträge sind in der Regel ausreichend vorhanden. Dafür ist die Erwartungshaltung auf allen Seiten groß und das Vertrauen der Beteiligten muss zunächst verdient werden. Bei allen Vorteilen bleibt die Übernahme jedoch ein Sprung ins kalte Wasser, wenn sich Perspektiven nicht erfüllen und ein Kaufpreis sich deshalb nicht abzahlen lässt. Oder Altlasten tauchen plötzlich auf, veraltete Strukturen erweisen sich teurer als ein Neuaufbau. Hat der Neue im Büro kein Standing, ziehen Mitarbeiter nicht richtig mit. Nicht selten kommt es auch zu Konfliktpotenzial zwischen Übergeber und Übernehmer. Durch eine professionelle Begleitung bei der Bürosuche, einer Analyse der Ausgangslage, einer Bürobewertung sowie der Verhandlung der Rahmenbedingungen und der Übergangsphase kann einem Übernehmer viel Ärger erspart bleiben. Eine kontinuierliche externe Nachfolgerbegleitung erleichtert dem „Neuen“ den Einstieg als Chef und gestaltet den Übergang reibungsloser.

Wo findet man Büros zur Übernahme?

Wo gibt es das passende Architektur- oder Landschaftsarchitekturbüro, das fachlich, menschlich und räumlich zu einem passt? Naheliegend ist die Entwicklung als Partner und späterer Übernehmer in dem Büro, in dem man bereits angestellt ist, sofern die Perspektive einer Büroleitung oder Beteiligung gegeben ist. Wichtig dabei ist, dass der Chef von den eigenen Zielen erfährt und man gemeinsam – sofern für beide Seiten vorstellbar – einen entsprechenden Entwicklungsplan erarbeitet. Ist der Inhaber jedoch noch nicht im entsprechenden Alter, um über seine Nachfolge oder eine Partnerschaft nachzudenken, oder ist geplant, dass diese Rolle von einer anderen Person besetzt werden wird, sind andere Überlegungen anzustellen. Wer nicht im eigenen Umfeld ein passendes Büro zur Übernahme kennt, kann verschiedene Wege der Kontaktvermittlung in Erwägung ziehen: So bieten zum Beispiel zahlreiche Architektenkammern Unterstützungsmöglichkeiten an. Dazu zählen (teilweise kostenlose) Nachfolgesprechstunden für die Büronachfolge, in denen zu Fragen rund um die Übernahme, Partnerschaft und Bürosuche beraten wird. Hier kann auch Rat eingeholt werden, wenn man sich in Aspekten der Unternehmensführung noch unsicher ist. Wer selbst aktiv werden möchte, kann mittels Nachfolgebörsen der jeweiligen Länderkammern oder auf www.nachfolge-boerse.de bzw www.dub.de ein Inserat schalten und auf sein Interesse aufmerksam machen – anonym oder unter eigenem Namen.

Welchen Weg man auch einschlägt: Gründung oder Übernahme bergen Chancen, aber auch Risiken. So mag der Weg der Übernahme zwar geebneter sein, dennoch müssen Nachfolger neben der Nutzung der vorhandene Potenziale dem Büro ein eigenes Profil und eine neue Identität geben. Bei allen drohenden Fallstricken kann eine selbstständige Tätigkeit Freude machen und das Leben bereichern, unter dem Motto „Wer wagt, gewinnt“. Befragt man erfahrene Architekturbüroinhaber, würden sich rückblickend viele jederzeit wieder für die Selbstständigkeit entscheiden.

Über die Autoren:
Andreas Preißing

Dipl.-Betriebswirt (FH), MBA, Vorstand der Dr.-Ing. Preißing AG, eine Unternehmerberatung für Architekten und Ingenieure, spezialisiert auf Bürobewertung, Nachfolgeregelung und Bürovermittlung. Seit Jahren bundesweit als Referent für verschiedene Kammern, Verbände und Hochschulen tätig. 

Isabel Maneval-Rieger
Dipl.-Betriebswirtin (FH), Projektleiterin bei der Dr.-Ing. Preißing AG und zuständig für PR. 

 

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