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Wie verändert sich die klassische Architekturlaufbahn?

Ein Gespräch mit Thomas Welter, dem BDA-Bundesgeschäftsführer. Das Interview führte Desirée Balthasar.
Veröffentlicht am 11.09.2019

Baumeister: Herr Welter, wenn Sie auf die Karrieren heutiger Architektinnen und Architekten blicken, was fällt Ihnen auf?
Thomas Welter: Es gibt einige Meta-Trends zu beobachten, die sich mittel- und langfristig auf die Berufswege der Architekturschaffenden auswirken werden. Da ist zum einen die sinkende Tendenz, sich freiberuflich niederzulassen – das erkennen wir an den Mitgliedern der Architektenkammern der Länder, deren Mehrheit mittlerweile angestellt ist. Früher war das Verhältnis anders, da gab es mehrheitlich Freiberufler. 
Außerdem legen Absolventen mehr Wert darauf, dass die Work-Life-Balance stimmt. Und letztlich geht die Entwicklung hin zur Spezialisierung, sowohl bei den Büros als auch bei den Individuen. 
Was sich nicht verändert: Architektur ist ein Neigungsberuf. Das bedeutet, dass die meisten Studierenden Architektur wählen, weil es ihre Leidenschaft ist. Deshalb bleibt ihre Zahl unverändert hoch, unabhängig von der konjunkturellen Entwicklung.

B: Wie stehen die Chancen für Absolventen, einen Job zu finden?
T W: Vor allem die Architektur- und Planungsbüros stehen unter starkem Druck, gute Fachkräfte zu finden. Das macht die Situation für Jobsuchende angenehm. Das Marktverhältnis hat sich umgedreht: Heute ist der Wettbewerb der Arbeitgeber groß, noch vor rund fünf bis zehn Jahren gab es zu viele Jobsuchende. Damals konnten sich die Büros ihre Mitarbeitenden aussuchen. 
Insgesamt ist es jedoch schwierig, hier eine Prognose zu wagen. Denn weil die Architektur immer noch ein Neigungsberuf ist, bleibt der Arbeitsmarkt weiterhin gut gefüllt mit Absolventen. Ich würde jedoch dazu tendieren, dass die Nachfrage nach guten Fachkräften langfristig höher bleibt als die Anzahl an Absolventen. Fakt ist: Je erfahrener und spezialisierter jemand ist, desto leichter findet sich ein gut bezahlter Job.

B: Wer sind die beliebtesten Arbeitgeber?
T W: Die Berufspraktiker teilen sich etwa zur Hälfte auf Planungsbüros auf; ein sehr kleiner Teil – nur rund drei Prozent – arbeitet im öffentlichen Dienst und die andere Hälfte in der Bau- und Immobilienwirtschaft. Die Bürostruktur in Deutschland ist kleinteilig, es gibt rund 40.000 Architekturbüros. Davon sind gut 40 Prozent Ein-Personen-Büros, weitere 40 Prozent haben bis zu drei Mitarbeitende. Das bedeutet: Nur rund 20 Prozent haben überhaupt mehr als vier Angestellte. Wir beobachten die leichte Tendenz, dass Büros größer werden und sich zentrieren. Dieser moderate Wachstumskurs erklärt auch die höhere Anzahl von Angestellten.
Neben den Architekturbüros kommen viele Berufseinsteigende im erweiterten Berufsumfeld der Immobilie unter, also in der Projektsteuerung, bei Banken, Versicherungen oder Bauunternehmen. Die Immobilienwirtschaft stellt einen harten Konkurrenten im Wettbewerb um die guten Köpfe dar. Vor allem im späteren Stadium eines Berufswegs wechseln Architekten gerne in die Bau- und Immobilienwirtschaft. 

B: Welche Arbeitgeber tun sich schwer mit der Stellenbesetzung?
T W: Große Büros mit klingendem Namen entfalten immer noch eine starke Sogwirkung. Sie sind attraktiv für Berufsanfänger, weil sie sich gut im Lebenslauf lesen. Wenn allerdings die schlechten Arbeitsbedingungen nicht zum herausragenden Renommee passen, wechseln Mitarbeitende schneller als früher in ein anderes Büro. Ausbeuterische Verhältnisse werden weniger akzeptiert.
Schwer haben es Architekturbüros in ländlichen Räumen, bei manchen meldet sich niemand auf eine Stellenanzeige. Großstädte hingegen sind nach wie vor äußerst beliebt, doch auch mittelgroße Städte finden Fachkräfte. Universitätsstädte haben den Vorteil, dass Studierende sich während des Studiums ein soziales Umfeld aufbauen und sich anschließend dort einen Job suchen. Prinzipiell lässt sich sagen, dass es ein Matching-Problem gibt: Auf dem Land können Büros nur schwer Stellen besetzen, weil Rückkehr-Willige häufig nicht wissen, dass es sie gibt; zudem zieht es junge Erwachsene während des Studiums in größere Städte. Diese Faktoren begünstigen weiterhin das Stadt-Land-Gefälle. 

B: Wie entwickeln sich die Gehälter? 
T W: Die Löhne steigen langsam. Büroleiter erzählen uns, dass die Absolventen mit höheren Gehaltsforderungen als früher in die Bewerbungsgespräche gehen. Da jedoch die Honorare nicht im gleichen Verhältnis steigen, entstehen hier Differenzen. Außerdem sind die Verdienste außerhalb der Architekturbüros ungleich höher, etwa in der Immobilien- und Bauwirtschaft. Das setzt die Planungsbüros auf der Suche nach Fachkräften zusätzlich unter Druck. Der höhere Preiswettbewerb zwischen den Büros verschärft die Situation. 

B: Wie steht es um die Geschlechterverteilung in der Profession?
T W: Im Durchschnitt steigt der Anteil der Architektinnen, er liegt allerdings insgesamt nur bei rund einem Drittel. Dazu kommt, dass Frauen überwiegend in Teilzeit arbeiten und überwiegend nicht in der Bauüberwachung. Und noch immer gilt: je älter, desto männlicher. 
Komplett umgedreht hat sich indes die Debatte in den Architekturbüros. Dort zählt mittlerweile die Qualifikation und nicht mehr das Geschlecht. Frauen sind heute auf der Baustelle kein ungewöhnlicher Anblick mehr. Allerdings braucht es eine ganze Weile, bis sich dieses Thema gänzlich erledigt hat. Kultureller Wandel lässt sich nicht erzwingen, er braucht Zeit.

B: Verändern sich die Anforderungen an das Fachwissen?
T W: Das Aufgabenfeld von Architekturschaffenden hat sich erheblich erweitert. Sie leisten neben der Objektplanung selbstverständlich auch die Bauleitung, die Budgetkalkulation und das Projektmanagement. Der Architekt benötigt also eine generalistische Ausbildung. Das notwendige technische Wissen weitet sich aus. Und die Vergabeprozesse werden schwieriger. Bei Ausschreibungen müssen Referenzprojekte vorgewiesen werden. Das macht es schwer für Neueinsteiger und treibt die Spezialisierung voran. Und ist man erst einmal auf Museen oder Krankenhäuser spezialisiert, gewinnt man schwieriger Aufträge in anderen Bereichen. Ich befürchte hier eine Verarmung von Ideen, weil die jungen Kreativen nicht mehr zum Zug kommen.

B: Warum ziehen nur wenige die Gründung des eigenen Büros in Betracht?
T W: Früher war zwar nicht alles besser, aber früher waren Auftraggeber – insbesondere öffentliche – durchaus mutiger. Zudem war das Wettbewerbswesen sehr offen. Junge Architektinnen und Architekten trauten sich an die großen Wettbewerbe, die offen ausgelobt wurden. Gewannen sie, konnten sie ein Büro gründen. Denken wir beispielsweise an GMP, die als „junge Wilde“ den Berliner Flughafen Tegel gewannen und von dort ihre Karriere starteten. Heute ist das leider undenkbar. 
Viele Menschen entscheiden sich aus drei Gründen gegen eine Selbständigkeit: Die eben genannte Schwierigkeit, mit dem Berufseinstieg große Aufträge zu bekommen. Damit verbunden die Tatsache, dass etwa ein Drittel der kleinen Büros nicht auskömmlich arbeitet – Negativbeispiele von Insolvenzen und Scheitern schreckt viele ab. Hinzu kommt das gestiegene Haftungsrisiko. Die Möglichkeiten, in Haftung genommen zu werden, sind wegen der komplizierteren Vorgehensweisen im Planen und Bauen stark angestiegen. Das Wissen über dieses Risiko schreckt zusätzlich von der Gründung eines eigenen Büros ab.

Das Gespräch führte Désirée Balthasar.

Dieser Artikel stammt aus der Oktoberausgabe 2019 des Baumeister. Das Architekturmagazin wird – ebenso wie New Monday – vom Callwey Verlag herausgegeben. 

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